Katers Ziehungszeichnungen: Delegation, Konstellation, Vollzug
In einem Diskursfeld, das die Frage nach der Handlungsträgerschaft des Zufalls längst als historisch abgeschlossen behandelt, markieren Katers Ziehungszeichnungen eine notwendige Intervention. Nicht weil sie die einschlägigen Protokolle Duchamps metrische Delegation, Arps stochastische Disposition, die surrealistischen Exquisite-Corpse-Verfahren revidieren oder überwinden wollten, sondern weil sie deren strukturelle Leerstelle produktiv machen: die Frage nämlich, was passiert, wenn das delegierte Material nicht neutral ist.
Das Verfahren operiert an der Schnittstelle von aleatorischer Kompositionslogik und sedimentiertem piktogrammatischem Vokabular. Die sogenannten Darsteller ein über drei Jahrzehnte täglicher Zeichenpraxis akkumuliertes System von Bedeutungsträgern, das sich jeder taxonomischen Fixierung entzieht und gleichwohl als differenziertes semantisches Feld funktioniert werden verdeckt gezogen und in einem vorsemantischen Ordnungsakt auf einer Fläche konfiguriert. Die räumliche Distribution folgt keiner bewussten Bedeutungsüberlegung: Nähe, Distanz, Ausrichtung und Verdrehung emergieren aus einem Impuls, der die semiotische Qualität der Elemente systematisch ausblendet. Was entsteht, ist eine Konstellation, die weder Komposition noch Ausdruck ist sondern Vollzug einer Entscheidungsstruktur, die ihre eigene Voraussetzungen nicht kennt.
Die Spannung zwischen semantisch gesättigtem Material und bedeutungsblinder Konfigurationslogik ist das eigentliche epistemische Substrat des Verfahrens. Hier liegt seine Aktualität: in einem Moment, in dem die Frage nach der Beziehung zwischen algorithmischer Determination und zeichnerischer Intentionalität neu gestellt werden muss nicht zuletzt unter dem Druck KI-generierter Bildproduktion, die Intention und Zufallslogik auf symptomatische Weise kurzschließt , bieten die Ziehungszeichnungen ein Gegenmodell, das weder in intentionalistischer Expressivität noch in konzeptualistischer Indifferenz aufgeht.
Die anschließende zeichnerische Weiterverarbeitung die Überführung der protokollierten Lagezeichnung in die eigentliche Ziehungszeichnung ist in diesem Kontext als das zu lesen, was sie strukturell ist: nicht Illustration, nicht Deutung, sondern Fortsetzung einer Logik, die in der Ziehung initiiert, aber nicht abgeschlossen wurde. Die Zeichnung schließt den Kreis nicht sie verlängert ihn in einen anderen Aggregatzustand. Was die Lagezeichnung als Notation fixiert, wird in der Ziehungszeichnung zeichnerisch reartikuliert: Beziehungen werden betont oder dekonstruiert, Bedeutungsfelder aktiviert oder marginalisiert, zeichnerische Eigenlogiken in produktive Konkurrenz zur vorgegebenen Konstellation gesetzt. Das Resultat ist weder Abbild des Ausgangszustands noch autonome Komposition es ist, mit Deleuze gesprochen, eine Differenz, die sich selbst wiederholt, ohne sich zu reproduzieren.
Besonders instruktiv ist in diesem Zusammenhang der strukturelle Wegfall dessen, was Katers Auftragszeichnungspraxis seit fast dreißig Jahren als konstitutives Risiko einschreibt: den Transfer. Dort im Übergang von fremder Sprache in eigene Notation ist das Scheitern nicht Störfall, sondern epistemische Bedingung der Möglichkeit: der Widerstand des fremden Materials erzwingt die Weiterentwicklung des eigenen Vokabulars, die Inkompatibilität der Systeme produziert jene Reibung, aus der Erkenntnis emergiert. Die Ziehungszeichnungen eliminieren diese Reibung nicht um sie zu vermeiden, sondern um eine andere Qualität von Offenheit zu erzeugen. Die Exteriorität bleibt die Konstellation kommt durch eine andere Hand , aber die strukturelle Fremdheit entfällt. Das Ausgangsmaterial gehört zum System; was ihm fremd ist, ist ausschließlich seine Konfiguration. Das grundsätzliche Scheitern ist damit ausgeschlossen; was verbleibt, sind Qualitätsdifferenzen innerhalb eines bekannten, aber nie vollständig ausgeloteten Bedeutungsraums.
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Diese doppelte Struktur Exteriorität ohne Fremdheit, Zufall ohne Indifferenz ist es, die den Ziehungszeichnungen ihre spezifische epistemische Position verleiht. Sie operieren jenseits der Dichotomie von Kontrolle und Kontrollverlust, jenseits der erschöpften Geste des konzeptualistischen Regelwerks und der ebenso erschöpften Gegengeste des expressiven Automatismus. Was sie stattdessen anbieten, ist präziser als beides: ein Verfahren, das die Bedingungen seiner eigenen Entstehung systematisch in seinen Vollzug einschreibt, ohne sie zu determinieren.
Die Einbeziehung eines Impulsgebers der zieht, arrangiert, intuitiv markiert, ohne das Vokabular zu kennen fügt eine weitere Komplexitätsebene hinzu, die in ihrer theoretischen Tragweite noch nicht vollständig ausgelotet ist. Seine Handlung ist weder Beschreibung noch Interpretation sie ist Eingriff: ein Akt der Konfiguration innerhalb eines Systems, dem er strukturell fremd ist, dessen Regeln er nicht kennt und dessen Bedeutungsfelder sich ihm erst wenn überhaupt im nachträglichen Gespräch erschließen. Lacanianisch gesprochen: der Impulsgeber produziert eine Aussage, ohne zu sprechen. Er signifiziert, ohne zu wissen was er signifiziert. Und genau diese unbewusste Signifikation ist das Material, mit dem Kater arbeitet.
Ob das Verfahren mit Anliegen wo der Impulsgeber vor der Ziehung eine Frage formuliert, die als Aufmerksamkeitshintergrund operiert ohne die Konfigurationslogik zu determinieren therapeutische oder reflexive Qualitäten im klinischen Sinne besitzt, ist eine Frage, die das Verfahren produktiv offenlässt. Die strukturelle Homologie mit dem Tarot und dem verdeckten systemischen Aufstellen ist evident: in allen drei Fällen öffnet eine Frage einen Deutungsraum, ein Zufallsprotokoll produziert eine Konstellation, der Deutende arbeitet mit dieser Konstellation im Wissen um die initiierende Frage. Die entscheidende Differenz liegt nicht im Prozess, sondern im Ergebnis und dessen ontologischem Status. Tarot produziert Deutung in Sprache eine Narration, die im Modus der Nachträglichkeit operiert und sich im Gedächtnis des Deutenden weiter transformiert. Systemisches Aufstellen produziert ein erlebtes Feld, körperlich verankert, an den Moment seiner Entstehung gebunden. Die Ziehungszeichnung produziert ein Objekt: ausdruckbar, speicherbar, der Veränderung entzogen. Nicht Beschreibung von etwas sondern das, was entstanden ist, in seiner materiellen Eigenständigkeit.
Annelie Pohlen hat Katers Zeichnungen als „Drehbühne der verführerischen Dehnungen des möglicherweise Wahren im Falschen und vice versa" beschrieben eine Formulierung, die ihren Gegenstand mit einer Präzision trifft, die theoretischer Apparat selten erreicht. Die Ziehungszeichnungen systematisieren genau diesen Raum: sie bauen das Protokoll seiner Entstehung in das Verfahren selbst ein und machen die Bedingungen der Möglichkeit von Bedeutung zum sichtbaren Bestandteil des Werks.
In einem Moment, in dem KI-generierte Bildproduktion die Frage nach Intentionalität, Zufall und Autorschaft neu und dringlich stellt und dabei strukturell genau jene Spannung reproduziert, die Katers Verfahren seit Jahren produktiv macht , gewinnen die Ziehungszeichnungen eine Aktualität, die über das Werk selbst hinausweist. Sie sind kein Kommentar zur KI-Debatte. Aber sie bieten ein Modell, das zeigt, wie ein zeichnerisches Subjekt mit genau dieser Spannung umgehen kann: nicht durch Kontrolle, nicht durch Kapitulation, sondern durch ein Verfahren, das beides einschließt und übersteigt.
E.K., lebt in New York und Madrid. Sie publiziert regelmäßig zu Fragen der Gegenwartskunst. |