Projekt Nr. 67
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Material:
- Beispiele von Ziehungszeichnungen
- Alle Motive der Karten
- Weitere Texte
- Werbekärtchen
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Ziehungszeichnungen Texte
Transfer und sein Ausbleiben – Auftragszeichnungen und Ziehungszeichnungen im Vergleich

Seit fast dreißig Jahren biete ich Auftragszeichnungen an. Jemand beschreibt in wenigen Sätzen eine Situation, ein Anliegen, einen Gedanken – und ich versuche, diesen Text in eine Zeichnung zu überführen. Das Ausgangsmaterial kommt von außen, die zeichnerische Entscheidung bleibt bei mir.
Was dabei passiert, ist kein Übersetzen – das würde eine Äquivalenz zwischen zwei Sprachen suggerieren, die nicht besteht. Es ist ein Transfer: das Ausgangsmaterial wechselt nicht nur das Medium, sondern die Logik. Ein Text folgt einer linearen Zeitstruktur, er entfaltet sich nacheinander. Eine Notationszeichnung ist räumlich, simultan, nicht linear lesbar. Der Transfer von einem in das andere ist keine Übertragung von Bedeutung – er ist eine Umformung, bei der etwas verloren geht und etwas entsteht, das im Text nicht vorhanden war.

Dieser Transfer kann scheitern. An der Sprache des Auftraggebers, die zu spezifisch oder zu vage ist, zu sehr in einer anderen Bildwelt verankert. An der Unübertragbarkeit bestimmter Strukturen – manche Texte beschreiben etwas, das sich im Notationssystem nicht abbilden lässt, ohne es zu verfehlen. Das Risiko des Scheiterns ist strukturell eingebaut. Es gehört zum Verfahren. Es ist auch sein Reiz.

Bei den Ziehungszeichnungen entfällt dieser Transfer vollständig.

Das Ausgangsmaterial ist bereits im System. Der Impulsgeber bringt keine fremde Sprache mit – er handelt. Er zieht Karten aus einem Pool, der auf meinem Darsteller-Vokabular basiert, arrangiert sie verdeckt auf einer Fläche, markiert zwei intuitiv als gewichtig. Er weiß nicht was er legt. Ich weiß nicht was kommt. Beide wissen es erst beim Aufdecken.

Was der Impulsgeber produziert, ist keine Beschreibung, kein Text, keine Bedeutung – sondern ein Start: eine Konstellation, die er nicht geplant und nicht gewählt hat, die aber durch seine Hand entstanden ist. Die Elemente tragen Bedeutungsfelder, keine festgelegten Bedeutungen – was sie zueinander bedeuten, entscheidet sich erst im Zeichnen.

Das grundsätzliche Scheitern – das Scheitern am Transfer – ist hier strukturell ausgeschlossen. Ich kann innerhalb der Bedeutungsfelder, die die Ziehung mir vorgibt, mehr oder weniger erhellende, naheliegende, überraschende Beziehungen herstellen. Ich kann bestimmte Aspekte betonen oder nicht ausführen. Ich kann mich von der Ausgangskonstellation entfernen oder nah an ihr bleiben. Aber ich kann nicht an einer fremden Sprache scheitern – denn es gibt keine fremde Sprache. Das Ausgangsmaterial gehört zu meinem System, auch wenn ich es nicht selbst konfiguriert habe. Das ist ein anderer Freiheitsraum als bei den Auftragszeichnungen. Kein größerer – aber ein strukturell anderer.

Die Rolle des Impulsgebers verändert sich entsprechend.
Bei den Auftragszeichnungen ist der Auftraggeber Beschreiber, Interpret, Herausforderer. Er bringt eine Welt mit, die mit meiner in Kontakt tritt. Der Text ist sein Beitrag – formuliert, gewählt, verantwortet.

Bei den Ziehungszeichnungen ist der Impulsgeber Ziehender, Arrangierender, intuitiv Markierender. Er handelt in meinem System, ohne es zu kennen. Sein Beitrag ist kein Text, sondern ein Start – eine Konstellation, die er nicht geplant und nicht gewählt hat, die aber durch seine Hand entstanden ist.

Das macht die Lagezeichnung zum gemeinsamen Dokument: sie hält fest was gezogen wurde, wie es lag, was markiert war – bevor die zeichnerische Interpretation beginnt. Der Impulsgeber bekommt sie mit: als Protokoll des Zufallsmoments, als Ausgangspunkt, an dem man ablesen kann was das Verfahren produziert hat, noch ohne Deutung.

Mit Anliegen – ohne Anliegen

Die Ziehungszeichnung kann mit oder ohne formuliertes Anliegen durchgeführt werden. Das ist kein kosmetischer Unterschied – es sind strukturell verschiedene Verfahren.
Ohne Anliegen: Die Konstellation bleibt so offen wie möglich. Ich arbeite aus dem Material heraus, ohne Wissen über einen Kontext. Das Ergebnis ist autonomer – näher an einer Zeichnung die aus sich selbst entsteht.

Mit Anliegen: Der Impulsgeber formuliert vor der Ziehung eine Frage, eine Situation, ein Thema. Diese Formulierung steuert nichts am Ziehen und Arrangieren – die Karten sind verdeckt, der vorsemantische Impuls bleibt vorsemantisch. Aber sie bildet einen Aufmerksamkeitshintergrund: für den Impulsgeber beim Arrangieren, für mich beim Zeichnen. Ich werde gelenkt – bewusst oder nicht. Ich sehe in der Konstellation, was sich auf das Anliegen beziehen lässt. Das Ergebnis ist näher am Impulsgeber, näher an seiner Frage.





Das macht die Ziehungszeichnung mit Anliegen strukturell verwandt mit zwei anderen Verfahren: dem Ziehen und Interpretieren von Tarotkarten und dem verdeckten systemischen Aufstellen. Allen drei gemeinsam ist: eine Frage öffnet einen Deutungsraum, ein Zufallsprotokoll produziert eine Konstellation, der Deutende arbeitet mit dieser Konstellation im Wissen um die Frage.

Die Unterschiede sind trotzdem erheblich.
Beim Tarot ist das Vokabular kulturell geteilt und historisch gewachsen – jede Karte trägt eine lange Auslegungstradition. Die Konstellation aus mehreren Karten öffnet dieses Vokabular, macht es komplex, kontextabhängig – aber die Einzelbedeutungen sind nicht frei. Zwanzig Tarotleger würden zu derselben Ziehung keine identischen Deutungen liefern – der Klient, sein Anliegen, die Reaktionen im Gespräch steuern mit. Der Barnum-Effekt ist real: gut formulierte Deutungen treffen fast immer, weil sie offen genug sind um auf viele Situationen zu passen.

Beim verdeckten systemischen Aufstellen gibt es kein Bedeutungsvokabular – Stellvertreter werden positioniert, ohne zu wissen wofür sie stehen. Die Konfiguration entsteht vor jeder Bedeutungszuweisung. Erst das Aufdecken gibt den Positionen ihren Kontext. Bei den Ziehungszeichnungen liegt das Vokabular dazwischen: individuell gewachsen, aus einer täglichen Praxis über dreißig Jahre, mit Bedeutungsfeldern statt festgelegten Bedeutungen. Nicht kulturell geteilt, nicht neutral – aber offen. Die Konstellation aktiviert Bedeutungsoptionen, keine Bedeutungen.

Und das Ergebnis ist in jedem Fall anders: Tarot produziert Deutung in Sprache. Systemisches Aufstellen produziert ein sichtbares Feld das interpretiert wird. Ziehungszeichnungen produzieren eine Zeichnung – kein Kommentar, keine Deutung, sondern ein Bild, das aus der Konstellation des Impulsgebers entstanden ist und das er dann betrachtet.

Nach einer Tarotsitzung hat man eine Deutung – eine sprachliche Formulierung, eine Erzählung. Nach einer systemischen Aufstellung eine Erfahrung, ein erlebtes Feld. Beides existiert primär im Modus Sprache, beides ist ohne Aufzeichnung nicht speicherbar – und selbst mit Aufzeichnung bleibt es Beschreibung von etwas, nicht das Ding selbst. Die Ziehungszeichnung produziert ein Ergebnis anderer Art: ein Bild, ein Objekt. Ausdruckbar, speicherbar, Jahre später wieder anschaubar. Nicht Beschreibung von etwas – sondern das, was entstanden ist. Es liegt da und wartet. Der Betrachter verändert sich; das Bild nicht.[1] Im Umsonstangebot als druckfähiges PDF oder JPG, 300 dpi, überall ausdruckbar – die Lagezeichnung als Protokoll des Ausgangszustands, die Ziehungszeichnung als das, was daraus entstanden ist. Beides zusammen, als Dokument eines Moments, der so nicht wiederholbar ist.

Ob das therapeutische oder lebensberatende Qualitäten hat, ist keine Frage die sich aus dem Verfahren beantworten lässt – das gilt für das verdeckte systemische Aufstellen und für das Tarot genauso. In allen drei Fällen liegt die Qualität nicht im Protokoll, sondern im Umgang mit dem Ergebnis – und im Menschen, der das Verfahren vollzieht. Kein Tarotleger würde öffentlich behaupten, therapeutisch zu handeln. Seine Klienten wissen es manchmal besser.

Annelie Pohlen hat das, ohne die Ziehungszeichnungen zu kennen, für das Gesamtwerk schon beschrieben: Katers Zeichnungen funktionieren wie eine „Drehbühne der verführerischen Dehnungen des möglicherweise Wahren im Falschen und vice versa" – ein Raum permanenter Umleitungen, in dem das Folgerichtige ins Verwickelte kippt und das Denkbare ins Vorstellbare. [2] Das gilt für die Ziehungszeichnung mit Anliegen in besonderem Maße.

Was eine Ziehungszeichnung mit Anliegen leisten kann, ist bescheidener als Therapie und mehr als ein Glückskeks. Sie erzeugt einen Raum, in dem etwas sichtbar werden kann, das ohne diesen Moment nicht sichtbar gewesen wäre. Das Ergebnis kommt aus der Hand des Impulsgebers – aus seiner Ziehung, seiner Anordnung, seiner intuitiven Markierung – und ist gleichzeitig fremd, weil es durch ein Verfahren gegangen ist, das er nicht kontrolliert hat.

Link: Ziehungszeichnungen – Einführung und Bedienungsanleitung
Link: Auftragszeichnungen – Einführung und Was geschieht, wenn ich einen Zeichenauftrag erhalte?


Anmerkungen

[1] Die Sichtweise auf das Bild verändert sich natürlich – und wird es mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn die Zeichnung zum Zeitpunkt ihrer Entstehung einmal wichtig war. Was damals zentral schien, wird später anders gewichtet, manches übersehen, anderes neu entdeckt. Das ist kein Einwand gegen die Beständigkeit des Bildes – es ist ein Argument dafür, es aufzubewahren.
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[2] Über die Vorstellungskraft. Oder von der „ars combinatoria“ bei der Expansion der Zeichenketten von Hannes Kater. Annelie Pohlen, 2007 – hier kann man den Text lesen
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